| Aber mit 27 Jahren und nur 14 Jahre "Radsportarbeit" gibt's doch noch keine Rente?? Nun, erst mal alles schön der Reihe nach: |
Sport hatte für die Eltern Vreni und Guido Kuhn-Bless stets einen sehr hohen Stellenwert. Zum Glück konnten sich Bettina, wie auch die beiden Geschwister Corina und Patrick mit dem "Virus Sport" infizieren - wenn alle drei die gleiche Sportart betrieben, verlief organisatorisch alles viel einfacher! Bettina lernte sehr früh viele Bewegungsmuster kennen! Ungefähr in dieser Reihenfolge: Liegen, drehen, robben, kriechen, laufen, "Affengang" , springen, hüpfen, klettern und so weiter - nur, einfach nie wirklich ruhig bleiben. Was konnten die Eltern dagegen tun?? Auf jeden Fall keine Chemie!! So ging's mit 4 Jahren los mit Sport: Ballett soll den Geist und den Körper kontrolliert in ruhige Bahnen lenken. Das ging zusammen mit Corina für 2 Jahre gut - aber etwas mehr Dynamik musste schon aufs Parkett - dafür war Ballett zu eintönig?? 1988 Der 3 Jahre ältere Bruder Patrick war zu dieser Zeit in Mels bei den Kunstturnern aktiv. Da gab es doch auch für Mädchen eine Geräteturngruppe - das mussten sich die Schwestern Corina und Bettina mal anschauen. Hoppla, Disziplin und sehr viele Bewegungsabläufe mussten erlernt werden - Die Fortschritte zeigten schnell einmal, dass alle Geschwister ihre Ziele ziemlich "ehrgeizig" verfolgten. Corina und Bettina schafften es innert kurzer Zeit bis zum Test 4, während Patrick mit den Melser-Kunstturnern schon viele Wettkämpfe bestritt. 1992 Nach 4 Jahren Turnen wollte sich Bettina im Alter von 10 Jahren im Sommer mit Leichtathletik (Jugi) und im Winter mit Langlauf anfreunden - Man könnte dies als Zwischenjahr definieren. Anfangs 1994 munterte die Schulfreundin Claudia Meli Bettina und Corina auf, mal an ein Radrennen zu kommen (einfach nur mitmachen???) Und es lief sehr gut - die Jungs hatten alle Hände voll zu tun, um Claudia, Corina und Bettina in Schach zu halten. Nur so zum Plausch probierte es Patrick auch: Und schaffte es bis in die Junioren-Nationalmannschaft und danach in ein U23 Strassenfahrer Team. Damit war der Startpflock für die Radsportkarriere von Bettina gesetzt.: Die Eltern hatten aber doch noch ein Problem zu lösen!! Wie um Gottes Willen sollen wir Turnen, Geräteturnen, Radsport und Ausbildung unter ein Dach bringen?? Doch der Zufall spielte einmal mehr Glücksgott: Alle drei wollten Radsport betreiben?? Gab es da etwa Vorbilder?? Natürlich, da war die Welt noch in Ordnung: Der Biker-Profi Frischknecht und der Strassenprofi Zülle (natürlich noch viele mehr) waren Vorbilder. Ab 1995 sass Bettina, also mit 13 Jahren, in der Sommersaison vorwiegend auf dem Mountainbike und dem Rennrad. Im Winter war natürlich vielseitiger Sport angesagt. Snowboard, Skifahren, Langlaufen und Hallentraining mit dem Club glich den Sommersport vollends aus. Selbstverständlich war der Schulbetrieb immer an erster Stelle - manchmal wurde es dennoch ziemlich eng mit den zur Verfügung stehenden Stunden für Hausaufgaben und Lernen. Im Juniorinnenalter von 16 Jahren ging es dann zum ersten mal erst richtig zur Sache!! Schon wieder eine Entscheidung fällen!! Leistungssport oder Plausch?? Mountainbike oder Strassenrennsport?? Beruf oder Sport?? In der Schweiz stellte sich die Frage, ob Beruf oder Sport Priorität haben konnte!! Fazit: Erstens Beruf!! Zweitens Leistungssport!! Erstmals wurde Bettina (und Ihre Eltern) mit den ausländischen Sportverbänden und ihren Möglichkeiten betreffend Ausbildung "Sport und Beruf" konfrontiert. Nun, man musste sich mit den Gepflogenheiten der Schweiz zurechtfinden. Bettina hatte schon mit 17 Jahren die hervorragende Tugend, diese Problematik niemals nach aussen zu zeigen und immer das Maximum aus jeder Situation zu herauszuholen. In den beiden letzten Juniorinnenjahren 1999 und 2000 lief es für Bettina sehr gut - viele Siege in der Schweiz (Schweizermeisterin im Strassenrennen und im Zeitfahren) und Top-Ten Resultate an internationalen Rennen (9. Rang an der Weltmeisterschaft in Frankreich) machte sie zu einem sicheren Wert in der Juniorinnen Nationalmannschaft der Schweiz. Auffallend war vor allem Ihre Teamfähigkeit und der Blick für den Rennverlauf (das kann man nicht wirklich lernen - dies ist eine Begabung, die sich Bettina wohl dank ihrer Beobachtungsgabe erarbeitet hatte)! Die ersten zwei Jahre als Amateurin (19-20 Jahre) wollte Bettina die Rennen vorwiegend in der Schweiz bestreiten. Mit der Nationalmannschaft wurde vor allem auf Erfahrungen gesetzt - das Resultat war "noch" Nebensache, aber trotzdem wichtig für die weitere Karriere - Der damalige Nationaltrainer Hans Trachsel wollte Strassenrennsport "PUR" sehen, nämlich Taktik, Risiko, Vollgas und Teamfähigkeit - Diese Eigenschaften steckten in Bettina im Uebermass. Genau zu dieser Zeit kam bei Bettina ein gesundheitliches Handicap (Leistungsasthma) zum Vorschein!! Welch brutale Erkenntnis für Bettina und Ihr direktes Umfeld. Was bedeutet dies wirklich für Bettina?? Medizinische Untersuchungen ergaben, dass die mit dem Asthma verbundene Leistungseinbusse einer Gratwanderung zwischen Sinn und Unsinn bedeutete. Es ging trotzdem weiter: Immer alles unter Kontrolle - die Gratwanderung konnte folgen!! Bettina musste einfach ab und zu bei ganz bestimmten Temperaturen und Luftfeuchtigkeiten eine Leistungseinbusse in Kauf nehmen und die Kräfte an den Rennen so gut wie möglich reduziert einsetzen. Nach dem sehr guten Lehrabschluss als Sanitärzeichnerin folgte der Einstieg in den "halbprofessionellen" Leistungssport. Der Trainingsaufwand und die vielen Auslandeinsätze forderten von Bettina enorm viel Disziplin. Die vielen Absenzen am Arbeitsplatz und unregelmässige Einsätze verlangten vom Arbeitgeber und Bettina alles ab. Für eine Saison (2003) ging das nochmals gut. Im letzten U23 Jahr (2004) wollte sich Bettina mit einer sehr sorgfältigen und aufwändigen Vorbereitung in Szene setzen, damit der Sprung in ein gutes Team Tatsache werden könnte. Im Winter 2003/2004 war Bettina mit Priska Doppmann (eine 10 Jahre ältere Profifahrein) für 2 Monate in Australien und kam mit einer beneidenswerten Form zu den ersten Rennen nach Europa. Mit dem Miniteam Univega und der CH-Nationalmannschaft ging es abwechslungsweise an viele internationalen Rennen. Als persönlichen Höhepunkt konnte Bettina im Sommer 2004 den 7. Rang an den Europameisterschaften in Estland verbuchen. Gegen Ende einer sehr langen Rennsaison, die mit Rennen in Australien im Februar begann und im Oktober in Europa zu Ende ging, stellte sich die Frage, wie und mit welchem Team weiter?? Bei Univega war die Saison 2005 noch in den Sternen geschrieben. Lange musste Bettina nicht suchen: Das Schweizer Team Andeer Interflon war genau das Richtige - In der Schweiz und im nahen Ausland Rennen bestreiten und mit der Nationalmannschaft an "grossen" Rennen Einsätze bekommen. Das tönt doch schon einmal gut. Viele Siege folgten in der Schweiz und an "flachen" Weltcuprennen gelangen Bettina Resultate in den Top 20. Die freie Zeit nutzte Bettina für eine Weiterbildung: Bettina absolvierte die Handelsschule und schloss diese im Frühjahr 2006 erfolgreich ab. Aus Erfahrung wird man klug: Schon Mitte der Saison 2005 liebäugelte Bettina mit dem Schritt Richtung Profi - Kontakte mussten frühzeitig hergestellt werden. An den Schweizermeisterschaften in Cham (5. Rang) fanden erste Gespräche statt. Schon Ende Oktober erhielt Bettina die definitive Zusage vom Bigla Cycling Team. Dieser Schritt hatte in beruflicher und privater Hinsicht Konsequenzen!! Mit einem Teilzeitjob im erlernten Beruf und einem Minilohn beim Profiteam Bigla (Im Damenrennsport gibt es bei den meisten Teams überhaupt keinen Lohn!!!!), sowie der Unterstützung von Sponsoren und den Eltern musste Bettina über die Runden kommen. Nun folgte also der Traum Profirennfahrerin:

Zuerst musste sich Bettina einem Generalcheck unterziehen. Dieser beinhaltete einen sehr umfangreichen Gesundheitscheck sowie einen kompletten Leistungstest. Diese Daten wurden innerhalb des Teams dauernd mit neuen Tests verglichen. Der Hauptsponsor Fritz Bösch (Bigla und Finetool-Besitzer) duldete absolut keine Manipulationen. Erst nach dieser Eintrittsmusterung gab es DEN "Arbeitsvertrag"!! Ja, richtig gelesen: Es war ein richtiger Arbeitsvertrag mit allem Drum und Dran für die Zeit vom 1.1.2006 bis 31.12.2006, also ohne Option für ein weiteres Jahr. Niemand im Team durfte sich halbherzig für das Projekt Bigla Cycling Team einsetzen. Alle waren gefordert, immer das Beste zu geben und vor allem für das Team und die Leaderinnen zu kämpfen. Als Neoprofi musste sich Bettina gegen gestandene Profis behaupten. Dies galt innerhalb des Teams wie auch an den internationalen Rennen. Es gab niemals Freikarten, alles musste erarbeitet werden und immer wieder musste Bettina die eigenen Chancen zu Gunsten der Leaderinnen zurückstellen. Aber bei den Schweizerrennen, speziell bei Kriterien und auf der Bahn, erwartete das Team von Bettina Siege und Podestplätze, die dann auch prompt folgten. Diese Leistung beruht aber auf sehr umfangreichem und gesteuertem Training. Das Training begann nach einer Pause von drei Wochen Anfangs November 2005 mit polysportiven Sportarten, aber vorwiegend mit dem Rennrad oder dem MTB. Im Februar folgten die ersten Trainingseinheiten mit dem Team auf Mallorca. Da ging es schon ganz ordentlich zur Sache; schliesslich war man ja Profi!! Die erste Saison als Profi verlief für Bettina gut: Die Teamleitung, der sportliche Leiter Felice Puttini und die Leaderinnen waren mit der Arbeit von Bettina sehr zufrieden. Aber genügte dies für eine weitere Verpflichtung per Saison 2007?? Mitte Oktober war alles klar: Auch in der Saison 2007 legte das Bigla Team Wert auf die Zusammenarbeit mit Bettina. Das Trainings- und Rennprogramm verlief in etwa gleich, wie im Jahr zuvor. Allerdings waren die Trainingseinheiten allmählich länger und das Rennprogramm für die Sprinterinnen vor allem im Frühjahr vollgestopft mit Eintagesrennen und Rundfahrten in Holland und Belgien. Insgesamt war Bettina in der Saison 2007 inklusive den Bahnrennen gegen 90 Tage im Einsatz und sicherte sich auch für die Saison 2008 einen Platz bei den Biglas. Ein einschneidendes Erlebnis geschah vor dem letzten Weltcuprennen in Nürnberg, dem Lieblingsrennen von Bettina: Am Tag vor dem Einsatz stürzte Bettina auf einer Trainingsfahrt mitten auf einer Kreuzung aus unerklärlichen Gründen unglücklich aufs Gesicht (der Helm verhinderte Schlimmeres!!). Die Saison war vorerst gelaufen!! Der Heilungsprozess verlief sensationell gut. Nach nur 6 Wochen Unterbruch, konnte Bettina Mitte November das Training wieder aufnehmen. In der Saison 2008 fuhr Bettina in etwa das gleiche Programm wie das Jahr zuvor. Das Olympia-Jahr sollte für das Bigla Cycling Team der Höhepunkt werden. Die Vorbereitungsarbeit um unsere Schweizer Leaderin Nicole Brändli und um die Italienerin Noemi Cantele herum gelang gut. Diese zwei hatten das Potential, in Peking Podestplätze zu erreichen. Aber irgendwie verlief einmal mehr das Rennen nicht für unsere Nicole?? An der WM folgte dann der Exodus mit Swiss Cycling und Nicole (die Medien hatten was zu Fressen!!) Solche Vorkommnisse gaben Bettina ernsthaft zu denken - macht es wirklich Sinn, wenn nun auch noch der Frauenradsport (speziell unser Team mit Hauptsponsor Fritz Bösch) mit falschen Aussagen und haltlosen Vorwürfen konfrontiert wurden. Das Weiterbestehen des Teams für 2009 war plötzlich in Frage gestellt!!
Ende Oktober 2008 gab es vorerst Entwarnung. Für Bettina gab es dennoch eine etwas unsichere Zeit. Da das Team redimensioniert werden sollte, wurde es eng mit den "Arbeitsplätzen"? Aber die Teamleitung setzte auch für die Saison 2009 auf Bettina als solide und verlässliche Teamstütze. Schon im Frühjahr zeichnete sich eine harte Saison ab: Nicole Brändli hatte gesundheitliche Probleme, Zulfia Zabiroba wurde schwanger, Andrea Graus erlitt einmal mehr einen schweren Unfall, Andrea Thürig und Sereina Trachsel konnten aus verschiedenen Gründen gar nicht richtig ins Renngeschehen eingreifen. Da das Rennprogramm zusammen mit den Organisatoren jeweils sehr früh in die Planung einfloss, musste Felice Puttini die Prioritäten betreffend Beschickung der Rennen setzen. Das bedeutete für Bettina folgendes: Extrem viele Helferdienste an sehr vielen Renntagen, da das Team alle Rundfahrten in Europa beschickte. Von Erholung konnte Bettina oft nur träumen; seit März waren 7-Tage-Arbeits-Wochen die Regel. Und den 12 Stunden-Job bei Schenk&Bruhin wollte Sie nicht aufs Spiel setzen. Der Arbeitgeber kam Bettina immer sehr entgegen, wenn mal eine zwei bis dreiwöchige Abwesenheit notwendig wurde. Die Erfolge auf dem Papier waren Nebensache, ausser wenn Bigla in der Schweiz aktiv war: Der tollste Schweizer-Erfolg wurde vom Team an der Schweizermeisterschaft in Nyon erkämpft. In der Schlussphase waren die drei Biglas Karin Thürig, Bettina und Jennifer Hohl eine Klasse für sich. Im Sprint (nach drei Stunden aufreibender Arbeit) hatten die Gegnerinnen dem Dopplesieg von Jennifer Hohl (CH-Meisterin 2009) und Bettina als Silbermedaillengewinnerin nicht den Hauch einer Chance. So ein Resultat gab dem Team und insbesondere Bettina tüchtig Aufwind. Die zweite Hälfte der Saison war gespickt mit schweren Rundfahrten und diversen Weltcuprennen. Abnützungserscheinungen waren bei fast allen Biglas vorhanden. Bettina freute sich auf die letzten Rennen im September. Dafür gab es drei Gründe: Erstens das Wiedersehen mit dem "Weltcup Nürnberg" und danach die schwere, aber sehr schöne Toscana-Rundfahrt, Zweitens das Abschiedsrennen auf der Rennbahn in Oerikon, Drittens: JETZT IST SCHLUSS! Bettina durchlebte in den 14 Jahren Radsport sehr viele Eindrücke: Viele Menschen, viele Charaktere, viele Gegnerinnen und Freundinnen, viele Teams, viele sportliche Leiter und Teamchefs, viele verschiedene Sprachen an den Rennen und innerhalb des Teams, viele Länder und aussergewöhnliche Orte, extreme Kulturunterschiede, extreme Vegetationsunterschiede, viele tausend Kilometer Training (Bettina weiss es nicht genau, aber so um die 160,000 werden es schon sein), etwa 700 Renntage und nicht zählbare Erinnerungen und Gedankengänge, wie der jeweilige Rennverlauf ausgehen könnte. Bettina schloss das Kapitel Profiradsport Ende 2009 mit der Gewissheit, den Sport seriös und vorbildlich ausgeübt zu haben, ohne den Kontakt zu den Mitmenschen und der Realität verloren zu haben. DAS macht Bettina als Athletin und Menschen so zugänglich.
Bettina wird dem Radsport weiterhin als Betreuerin und Vorbild erhalten bleiben!! (Geschrieben von meinem Vater Guido Kuhn) |